Hilfeschrei Nr. 1 (zweiter Teil)

Hilfeschrei Nr. 1 (zweiter Teil)

… In meinem Kopf ist absolutes Chaos. Doch das „Ich-verstehe-es-nicht“ geht weiter.

Nachdem der Notarzt mich am Glühweinstand stocknüchtern eingesammelt und sich von meinem fehlenden Promillespiegel überzeugt hat, kontrolliert er alle Vitalwerte.

… alles unauffällig …

Wir fahren zum medizinischen Notdienst. Dort angekommen, gebe ich meiner Frau mein Päckchen Zigaretten mit dem Satz: „Da, die brauche ich nicht mehr.“ Seit diesem Moment bin ich Nichtraucher.
An die Ärztin beim medizinischen Dienst erinnere ich mich nicht mehr. Doch eine Aussage von ihr ist mir heute noch gut in Erinnerung: „Das Menschen umkippen gibt es mal, dass ist nicht schlimm. Machen sie sich keine Sorgen!“

Ich verstehe es nicht. Umkippen?… Einfach so?… Und alles ist nicht schlimm?…

Die Ärztin macht noch ein EKG, bevor sie mich nachhause schickt.

… alles unauffällig …

Wir fahren nachhause und der Tag geht zu Ende. „Morgen ist bestimmt alles wieder gut.“, sage ich mir selbst. Doch in mir arbeiten die Gedanken weiter. „Irgendwas stimmt mit mir nicht, nur was?“

Die verbleibenden Tage bis Weihnachten sind schlimm. Ich getraue mich nicht alleine aus der Wohnung, weil ich umkippen könnte. Das Einkaufen der Geschenke ist der pure Horror. Permanent das Gefühl vom Weihnachtsmarkt… gleich kippe ich um.

Aber nichts passierte.

Da mir nach allem anderen ist, als Weihnachten bei der Verwandtschaft zu sitzen, bleiben wir zuhause und empfangen Besuch in homöopathischen Dosen. Das ganze ist nett, auch wenn ich mich oft zurückziehe. Dann kommt auch der kurze elterliche Besuch, der mich grundsätzlich etwas anspannt. Meine Mutter läßt es sich nicht nehmen, mir beim Abschied mit ihrer wehleidigen Stimme mitzuteilen, dass ich gefälligst erst nach ihr zu sterben habe…

… Ich bekomme Angst… Angst, die überhand nimmt und anfängt, meinen Körper und Verstand zu beherrschen.
… Panische Angst umzukippen… ich werde von meinem Hausarzt ins Herzzentrum geschickt…

Bluttests, Ultraschall, Ruhe-EKG, Langzeit-EKG…

… alles unauffällig …

Wie kann das sein? Organisch alles unauffällig. Ich habe doch gespürt, wie mich das Ohnmachtsgefühl beim Spazieren gehen zum hinsetzen gezwungen hat. Dennoch keine Anzeichen im Langzeit-EKG?

„Hast du mal daran gedacht, dass die ganze Sache psychosomatische Ursachen hat?“, fragt mich mein Hausarzt und empfiehlt mir eine Psychiaterin.

Doch mit der Situation bin ich alleine… Halt…, meine Frau tut gerade alles damit es mir ansatzweise gut geht… aber auch sie weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn der kalte Schweiß kommt… die Beine wackelig werden… die Atmung panisch wird und man meint sterben zu müssen.

Angst- und Panikattacken bestimmen zu der Zeit meinen Tag.

Ist das der Preis den man zahlt, wenn man…

… täglich 160km geschäftlich pendelt?
… keinen „Nine-to-Five-Job“ hat?
… eine Beziehung auf der Autobahn führt?
… keine Zeit für den Sohn hat?
… keine Zeit für Freunde und Sport hat?

Oder gibt es andere Gründe und ich liege falsch?

Bis Bald,
Euer Frank

6 Gedanken zu „Hilfeschrei Nr. 1 (zweiter Teil)

  1. Ich glaube jeder zahlt einen Preis, wenn die äußere Welt nicht mit der inneren in Übereinstimmung steht. Also man will eigentlich etwas, erfüllt es sich aber aus was für Gründen auch immer (Überangepasstheit, Nettigkeit, ich muss das so machen, weil sonst…..)
    Hinter sich verselbständigender Angst steckt häufig unterdrückte Wut. Die Wut wird mit Angst in Schach gehalten. Daher ist Angsttherapie auch immer Wuttherapie.Hast Du da mal nachgespürt?

  2. Lieber Frank,
    mir kullern gerade die Tränen.
    Respekt das Du den Mut hast das öffentlich aufzuschreiben. Ich kann mir gut vorstellen das dir das hilft beim verarbeiten und verstehen. Ich wünsche es Dir von vollem Herzen.
    Wir sehen uns beim winterwandern, bis dahin alles Gute!

    1. Vielen Dank für Deine Worte Sandra!
      Ja es hilft mir, vor allem wenn man im Rückblick bemerkt, wie blind man teiliweise war, es zu dem Zeitpunkt aber nicht anders oder besser wusste.
      Ich freue mich, Dich beim Winterwandern zu treffen, auch wenn mein Wandern vermutlich herzbedingt noch eher sehr kurz wird.

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